Was ist Gestalttherapie?

allen Erklärungen vorangestellt:

"Gestalttherapie kann man nicht erklären, man kann sie nur erfahren."

 

Unzufriedenheit, Kummer, Angst, Schmerz, Bitterkeit, Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit... sind Seelen-Zustände, die jemanden veranlassen, psychotherapeutische Unterstützung zu suchen meist in der Erwartung, "dass sich etwas ändert". Veränderung verhält sich allerdings in seelischen Dingen eher wie ein störrischer Esel: je mehr man will, dass sich etwas ändert, desto größer wird der Widerstand gegen die Veränderung trotz aller Anstrengung.

Paradoxerweise verhält es sich mit Veränderung jedoch so:

 

"Was ist, darf sein. Was sein darf, verändert sich"

            Werner Bock

 

Das heißt, dass es zunächst darum geht, sich dem "was ist " zuzuwenden und das vollständig bewusst werden zu lassen. Es geht um das Erleben im gegenwärtigen Moment. Diese Zuwendung ist oft mit intensiven Gefühlen verbunden, denen man vielleicht lieber nicht begegnen möchte, die möglicherweise Angst machen oder schmerzhaft sind. Die therapeutische Begleitung ermöglicht, an diese Orte, die man fürchtet, zu gehen und durch das Erleben und Ausdrücken der Gefühle ihnen den Schrecken zu nehmen. Auf diese Weise kann das Verdrängte integriert und verinnerlicht werden. Damit wird auch das Vermeidungsverhalten rund um diese unangenehmen Gefühle überflüssig. Was unerträglich zu denken schien, wird als überlebbar erfahren und das Leben gewinnt an Freiheitsgraden. So "schließen sich offene Gestalten" (daher "Gestalt"-Therapie) also halberledigte Angelegenheiten der Gegenwart, welche oft ihre Wurzeln in halberledigten Angelegenheiten der Vergangenheit haben.

 

Zur weiteren Erläuterung folgende Zeilen:

 

Leben will leben!

 

Fast jeder kennt das Gefühl von Lebendigkeit, das Gefühl der Verbundenheit, Intensität, Präsenz, Neugier und humorvoller Flexibilität, auch von Güte, Herzoffenheit und Mitgefühl.

Viele berichten, dass die Erinnerung an dieses Lebensgefühl jedoch oft Jahre zurückliegt und sie sich in ihrer Unzufriedenheit und Halb-Herzigkeit eingerichtet haben und nur noch funktionieren.

Die Trauer und Ratlosigkeit über diesen Zustand wird weg-erklärt mit Sätzen wie: „das Leben ist kein Ponyhof“ oder betäubt durch alle Arten von Ersatzbefriedigung, Sucht, Ablenkungen und Aktionismus.

Eingeschränkte Lebendigkeit schafft Leid und damit Leidensdruck und Unzufriedenheit. Das führt zu mehr oder weniger fruchtbaren Suchbewegungen und Handlungen, um die Lebendigkeit (wieder) zu erlangen. Dies geschieht ständig und größtenteils unbemerkt sowohl körperlich wie psychisch. Leben hat die Eigenschaft, sich immer wieder auszubalancieren, Leben hat Selbstheilungskraft oder anders ausgedrückt: die Fähigkeit zur „organismischen Selbstregulation“.

Manifeste Erkrankungen körperlicher oder psychischer Art entstehen, wenn dieses Ausbalancieren nur teilweise und mit Abstrichen gelingt. Hier öffnet sich das Feld jener Heilweisen, die den Menschen unterstützen Blockaden und Widerstände zu lösen und seine Regulationsfähigkeit anzuregen.

Niemand kann einen anderen heilen oder gesund machen.

Als Heilerin/Therapeutin stelle ich Hilfe zur Selbstheilung zur Verfügung, bin sozusagen Hebamme eines Heilungs- oder Entwicklungsprozesses.

Tatsächlich hat der gestalttherapeutische Prozess viel Ähnlichkeit mit einem Geburtsvorgang: der Geburts- bzw. Gestaltprozess vollzieht sich zwar aus sich heraus, verläuft aber leichter, sicherer und vollständiger mit der Hilfe einer Hebamme/Therapeutin, die einerseits eine zuversichtliche Präsenz ausstrahlt, andererseits auch, gerade wenn es eng oder schmerzhaft wird, die richtigen Handgriffe/Interventionen kennt, wenn der Prozess ins Stocken gerät. Wenn alles überstanden ist, stehen die Beteiligten am Ende staunend und berührt vor dem Wunder des neuen Lebens und spüren die Dankbarkeit über die Gnade, wenn Geburt/Therapie gut überstanden ist. Wie Geburtshelfer haben auch Gestalttherapeuten ein differenziertes Verständnis sowohl vom therapeutischen Prozess als auch von den erforderlichen „Handgriffen“ - also Interventionen an den kritischen Punkten, die dem Impuls sich bei Berührung mit schmerzhaftem oder unangenehmem Erleben wieder zurückzuziehen, entgegenwirken. Wie eine Hebamme weiß auch die Therapeutin, dass Wehen für den (Geburts-)Prozess unerlässlich sind. Sie unterstützt mit ihrer Erfahrung, Präsenz und Furchtlosigkeit die Patientin oder den Patienten, auch durch Engpässe hindurchzugehen.

 

Die „Arbeit“ lohnt sich: das Leben pulsiert wieder, folgt seiner natürlichen Rhythmik von ständigem Wechsel von Anspannen und Entspannen, Aktivität und Ruhe, außer-sich-Sein und in-sich-gekehrt-Sein, kurz: der Mensch ist wieder schwingungsfähig und bekommt wieder Schwung.

So kommt der Mensch Wehe um Wehe zu sich selbst und wird allmählich - in seinem gemäßen Tempo- vom halb-herzigen Mitläufer des Lebens zum souveränen Original.

 

„Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren,

schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen.“

 

Anais Nin